Wissen

Zeiterfassung in der Schweiz: Pflicht, Arbeitsgesetz und vereinfachte Erfassung

7 Min. Lesezeit

TL;DR

In der Schweiz sind Arbeitgeber gemäss Arbeitsgesetz (ArG) und Verordnung 1 zum Arbeitsgesetz (ArGV 1, Artikel 73) verpflichtet, die Arbeitszeit ihrer Mitarbeitenden zu dokumentieren — inklusive Pausen, Überzeit und Sonn- und Feiertagsarbeit. Seit 2016 gibt es zwei Lockerungen: den Verzicht auf die Erfassung für Mitarbeitende mit grosser Autonomie, Bruttojahreslohn über CHF 120'000 und entsprechendem GAV (Art. 73a ArGV 1) sowie die vereinfachte Erfassung nur der täglichen Arbeitszeit (Art. 73b ArGV 1). Für die Mehrheit der Schweizer Arbeitnehmenden gilt weiterhin die volle Erfassungspflicht. Stand: Oktober 2026.

Definition

Zeiterfassung bezeichnet die systematische Aufzeichnung von Arbeitsbeginn, Arbeitsende, Pausen und allenfalls Tätigkeitsart der Mitarbeitenden. Rechtsgrundlage in der Schweiz: Arbeitsgesetz (ArG, SR 822.11) und Verordnung 1 zum Arbeitsgesetz (ArGV 1, SR 822.111), Art. 46 und Art. 73. Die Erfassung dient dem Arbeitnehmerschutz, der Kontrolle der Höchstarbeitszeit und der Berechnung von Überzeit, Nacht-, Sonn- und Feiertagsarbeit.

Die wichtigsten Eigenschaften

  • 1Rechtsgrundlage: ArG SR 822.11 und ArGV 1 SR 822.111 Art. 73
  • 2Pflicht: Arbeitsbeginn, Ende, Pausen, Nacht-/Sonn-/Feiertagsarbeit, Überzeit
  • 3Aufbewahrungspflicht: 5 Jahre
  • 4Form: schriftlich oder elektronisch, jederzeit lesbar
  • 5Verzicht auf Erfassung (Art. 73a ArGV 1): grosse Autonomie, Bruttojahreslohn über CHF 120'000, GAV und schriftliche Einzelvereinbarung
  • 6Vereinfachte Erfassung (Art. 73b ArGV 1): nur tägliche Arbeitszeit; Vereinbarung mit der Arbeitnehmervertretung bzw. der Mehrheit der Mitarbeitenden, in Betrieben unter 50 Mitarbeitenden auch einzeln schriftlich
  • 7Nicht dem ArG unterstellt: u. a. höhere leitende Angestellte (Art. 3 lit. d ArG) und Familienmitglieder in Familienbetrieben (Art. 4 ArG)
  • 8Kontrollbehörde: kantonales Arbeitsinspektorat

Wer muss Arbeitszeiten erfassen?

Grundsätzlich gilt die Erfassungspflicht für sämtliche Arbeitnehmenden, die dem Arbeitsgesetz unterstehen — also die grosse Mehrheit der Schweizer Beschäftigten in der Privatwirtschaft. Nicht unter das Arbeitsgesetz fallen u. a. Personen mit einer höheren leitenden Tätigkeit, Familienmitglieder in reinen Familienbetrieben und einige Sondergruppen (Art. 2–4 ArG). Für Handwerksbetriebe heisst das: jeder Mitarbeitende auf der Baustelle muss seine Arbeitszeit täglich dokumentieren — Beginn, Pause, Ende. Die Praxis bei vielen KMU sieht so aus: Stunden-Rapportblock auf der Baustelle, abends ins Büro, Übertrag in Excel — was sowohl fehleranfällig als auch zeitintensiv ist. Mit einer mobilen Zeiterfassung auf dem Smartphone entfällt dieser Übertrag, die Daten landen direkt im System. Beachten Sie zudem den GAV Ihrer Branche — Bauhauptgewerbe, Maler/Gipser oder Schreiner haben eigene Regeln zu Überstunden, Spesen und Reisezeit.

Vollerfassung, vereinfachte Erfassung und Verzicht (Stand: Oktober 2026)

AspektVollerfassung (Standard)Vereinfachte Erfassung (Art. 73b)Verzicht (Art. 73a)
VoraussetzungenKeineMitarbeitende legen ihre Arbeitszeit zu einem namhaften Teil selbst fest; Vereinbarung mit Arbeitnehmervertretung bzw. (unter 50 Mitarbeitenden) einzeln schriftlichGAV, grosse Autonomie, Bruttojahreslohn über CHF 120'000, schriftliche Einzelvereinbarung
Erfasst werdenBeginn, Ende, Pausen, SonderzeitenTägliche Arbeitszeit (bei Nacht- und Sonntagsarbeit auch Beginn und Ende)Keine Arbeitszeiterfassung
Aufbewahrung5 Jahre5 JahreVerzichtsvereinbarung und Lohnangaben
Geeignet fürHandwerk, Verkauf, ProduktionWissensarbeit mit flexiblen ZeitenKaderpositionen mit hohem Lohn

Häufige Fragen zur Zeiterfassung in der Schweiz

Ist Zeiterfassung in der Schweiz Pflicht?

Ja, für die grosse Mehrheit der Arbeitnehmenden gemäss Art. 46 ArG und Art. 73 ArGV 1. Nicht unter das Arbeitsgesetz fallen z. B. Personen mit einer höheren leitenden Tätigkeit (Art. 3 lit. d ArG) und Familienmitglieder in reinen Familienbetrieben (Art. 4 ArG). Auf die Erfassung verzichten dürfen nur Mitarbeitende mit Bruttojahreslohn über CHF 120'000, grosser Autonomie und einem GAV, der das vorsieht (Art. 73a ArGV 1). Eine vereinfachte Erfassung nur der täglichen Arbeitszeit ist für Mitarbeitende möglich, die ihre Arbeitszeit zu einem namhaften Teil selbst festlegen (Art. 73b ArGV 1).

Wie lange müssen Zeitnachweise aufbewahrt werden?

Mindestens fünf Jahre nach Ablauf ihrer Gültigkeit (Art. 73 Abs. 2 ArGV 1). Die Aufzeichnungen müssen für die kantonale Arbeitsinspektion jederzeit lesbar und nachvollziehbar sein.

Reicht handschriftliche Zeiterfassung?

Ja, gesetzlich. Die Form ist nicht vorgeschrieben — schriftlich oder elektronisch ist zulässig. Elektronische Erfassung vereinfacht aber Auswertung, Abrechnung und Aufbewahrung.

Was passiert bei fehlender oder unvollständiger Zeiterfassung?

Das kantonale Arbeitsinspektorat kann Bussen aussprechen und im Streitfall kann der Arbeitgeber die geleisteten Stunden nicht beweisen — was Lohnnachforderungen und Überzeit-Ansprüche der Mitarbeitenden begünstigt. Das Risiko ist erheblich.

Was sind GAV-Spezifika für Handwerker?

Der Baumeister-GAV definiert z. B. Spesensätze für die Reise zum Einsatzort und Überzeit-Zuschläge. Maler-, Gipser-, Sanitär-GAV haben eigene Regelungen. Prüfen Sie im GAV Ihrer Branche, welche Zeiten und Zuschläge gelten.

Müssen auch Lernende ihre Arbeitszeit erfassen?

Ja, vollumfänglich. Für Lernende gelten zusätzliche Schutzbestimmungen gemäss Jugendarbeitsschutz-Verordnung (ArGV 5), etwa zur maximalen Wochenarbeitszeit und Nachtarbeitsverbot.

Quellen & Standards

Verwandte Themen